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Band VIII (1994) Spalten 621-624 Autor: Gerhard Frank/
Christof Mauch

ROLLER, David Samuel, lutherischer Pfarrer und Liederdichter, * 25.12. 1779 in Heynitz bei Meißen; + 26.8. 1850 in Lausa bei Dresden. - D.S.R. war das achte von neun Kindern des Heynitzer Pfarrers Samuel Andreas Roller und der Eleonore Elisabeth Roller (geb. Glasewald). Nach dem frühen Tod des Vaters (1784) siedelte die Familie von Heynitz über Nossen nach Söbringen bei Pillnitz an der Elbe, um dort mit einer kleinen Landwirtschaft einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Trotz äußerst widriger Bedingungen - D.S.R. mußte sich als Land- und Feldarbeiter und als Schiffsjunge auf der Elbe verdingen, während er Privatstunden in der Familie des Holsterwitzer Pfarrers Löffler erhielt - bestand R. das Maturitätsexamen (Abitur) an der Kreuzschule in Dresden. Dieser für einen Dorfjungen sehr ungewöhnliche Fall bewog den Minister Graf Hohenthal von Königsbruck dazu, dem siebzehnjährigen D.S.R. ein dreijähriges Stipendium zu gewähren. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie in Leipzig bestand er 1799 das Kandidatenexamen in Dresden, studierte ein Semester Naturwissenschaften in Leipzig und wurde Hauslehrer in der Familie von Heynitz auf deren Rittergut Königshagen bei Görlitz. In dieser Zeit entstand R.s kleine Schrift zur Kindererziehung, »Spielschule zur Bildung der fünf Sinne«, die 1866 nachgedruckt wurde. Die Einrichtung eines Erziehungsinstituts für Knaben im Jahr 1804 in Dresden brachte ihm einiges Ansehen und begründete seinen Ruf als unkonventioneller Lehrer. Im Zentrum von D.S.Rs. pädagogischem Programm stand die Erziehung zu Pünktlichkeit, Aufmerksamkeit, Gehorsam und Ordnung. Vergleichbar mit dem Ausbildungskonzept deutscher Ritterakademien, verband R. in seinem Institut Wissensvermittlung mit sportlicher und militärischer Übung. Die aus traditionsreichen Familien stammenden Schüler, zu denen unter anderem der Dichter Theodor Körner gehörte, wurden mit Feder und Gewehr erzogen. Da er seine Lebensaufgabe nicht nur als Lehrer, sondern insbesondere als praktischer Theologe sah, nahm D.S.R. 1807 die Pfarrstelle auf dem Gut Döbernitz an, die ihm Graf Hohenthal angetragen hatte. Vier Jahre später gewann ihn Burggraf von Dohna, der Enkel des Grafen von Zinzendorf, als Gemeindepfarrer für Lausa bei Dresden, wo er im Kreise seiner Geschwister lebte und sich 1846 mit Clara (geb. von Paschwitz) verheiratete. In Lausa betätigte sich D.S.R. neben seinem Beruf als Hausmittelhersteller, Obstbaumpflanzer, Liederdichter und Schriftsteller. Er eignete sich Kenntnisse in den Naturwissenschaften und im Landbau an, spielte vier Instrumente und pflegte engen Kontakt zu Schulmeister Johann Georg Eckhart sowie zu den gräflichen Familien in Hermsdorf. Als Wunderheiler gegen Epilepsie war D.S.R. weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Sein Heilmittel, Asche von Elsternknochen, schickte er in Tausenden sogenannter »Pulverbriefe« bis nach Rußland und Nordamerika. Im Jahr 1850 starb er in Lausa. Die Grabrede hielt der Dresdner Oberhofprediger Harleß. - Als Theologe verteidigte D.S.R. den Geist des orthodoxen Luthertums gegen den Neologismus seiner Zeit, mit dem er bereits an der Leipziger Universität konfrontiert worden war. Symptomatischer Ausdruck von R.s Bekenntnis war eine (vermutlich im Jahr 1845 verfaßte) Beschwerdeschrift gegen ein Kolloquium zu Dresden, in dem der Theologe Tschirner seine Abweichung vom Glauben und Bekenntnis der lutherischen Kirche öffentlich ausgesprochen hatte. R. trat bei der Kirchenleitung um Ahndung des Vorgangs ein, erzielte jedoch keinen Erfolg. D.S.R. war seinen Zeitgenossen vor allem als Original bekannt. Seiner Energie, seines praktischen Blicks und seines militärischen Auftretens wegen, wurde er von ihnen häufig mit Napoleon verglichen. Aus R.s armseliger Kindheit wird sein soziales Engagement verständlich. Volksnahe Predigt, Seelsorge und Unterricht lagen ihm besonders am Herzen. Für seine Gemeinde richtete er eine Leihbibliothek ein. Populär waren seine Gelegenheitsgedichte. Vor allem im Bereich der Diakonie und in der Kinderkirche löste er Neuerungen aus. So trat er unter anderem an die Stadträte von Leipzig heran und forderte diese zur Einrichtung von Kindergottesdiensten auf. 1814 beteiligte sich D.S.R. an der Gründung der Sächsischen Bibelgesellschaft, und ab 1821 betätigte er sich in der Dresdner »Heidenmission«. Darüber hinaus entwickelte D.S.R. zunehmend Interesse für die Diakonie und engagierte sich für das Dresdner Diakonissenmutterhaus. Bedeutend für die Geschichte des Kirchenliedes waren S.D.Rs. Lieddichtungen, so etwa die anläßlich der Begräbnisfeier von König Friedrich August von Sachsen verfaßte Kontrafaktur »So ruhn in Christo alle die Seinigen« (1827): das Aufklärungslied »Wie sie so sanft ruhn« wurde von D.S.R. in ein glaubensfrohes Ewigkeitslied umgedichtet. - Mehr noch als die Biographien von Blüher (1852) und Rühle (1878) - ersterer war ein Kollege R.s, letzterer sein Nachfolger im Pfarramt zu Lausa - haben Wilhelm von Kügelgens »Jugenderinnerungen« (1924) S.D.R zu einer weithin bekannten Gestalt gemacht. Das Bild des aufrechten Lutheraners, des pädagogischen Unikums und des humorvoll-volkstümlichen Dorfpfarrers hat sich noch über hundert Jahre nach R.s Tod in der Erinnerung protestantischer Kreise gehalten.

Werke: Spielschule zur Bildung der fünf Sinne für kleine Kinder mit einer Kupfertafel, Dresden [1806] und 1866; Über das Angeln o.O., o.J.; Von den schädlichen Obstraupen und den sichersten Mitteln, sie zu vertigeln. Auf vierzigjährige Erfahrung gegründet, Dresden 1829; Biblischer Katechismus. Erklärung für die Schule o.O., o.J.; Gesangbuch oder Sammlung von 784 meist alten Kernliedern der ev. Kirche nach den Festzeiten und der Heilsordnung eingeteilt: Nebst Gebeten und einer Nachricht von dem Verfasser, Leipzig 1830; Kinderkirche. o.O., o.J.; Wetterbüchlein o.O., o.J..

Lit.: Magnus Adolph Blüher, David Samuel Roller weiland Pastor zu Lausa bei Dresden. Nebst dem Bild des Seligen und eines Anhangs in welcher hauptsächlich eine Auswahl aus seinen Gedichten befindlich ist, Dresden 1852; - A.H. Rühle, Lebensbild eines sächsischen Pfarrers aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, Leipzig 1878; - Art. D.S.R. in: Allgemeine Deutsche Biographie 53, 449-450; - Wilhelm Nelle, Schlüssel zum Evangelischen Gesangbuch für Rheinland und Westfalen, Gütersloh 1918; ders., Geschichte des deutschen evangelischen Kirchenliedes, Hildesheim 4. Aufl. 1962, 279; - P. Glaue, Art. D.S.R., in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart Bd.4 1936, 2092; - Wilhelm von Kügelgen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin o.J. [= 1924]; - S. Fornacon, Art. D.S.R., in: RGG3 V, 1152.

Gerhard Frank/
Christof Mauch

Hinweis

In der Kirchgemeinde Weixdorf (Lausa) war Roller von 1811 bis 1850 Pastor. Zum 150. Todestages Rollers in Jahr 2000 sollen verschiedene Veranstaltungen stattfinden. Im Zusammenhang mit dem Jubiläum trat verschiedentlich die Frage auf, wann Roller den nun wirklich geboren sei, 1777 oder 1779. Dazu ergab sich nach den Recherche der Kirchengemeinde folgendes: Roller selbst verwendete als seinen Namen Samuel David Roller. Dies beruht auf einer Verwechslung seinerseits. Wie aus den Kirchenbüchern von Heynitz aus den Eintragungen seines Vaters zu entnehmen ist, wurde sein Bruder Samuel David 1777 geboren, starb aber noch im ersten Lebensjahr. Als Roller 1779 geboren wurde, nannten ihn seine Eltern David Samuel, sein Rufnahme war David. Er ging deshalb Zeit seines Lebens davon aus jener 1777 geborene Samuel David zu sein.

Literaturnachtrag:

Der Pastor Roller von Lausa und seine Ehe mit Clara von Paschwitz.

Letzte Änderung: 04.08.2000